Nachdem Mises 1934 nach Genf gezogen war, wurde ein Teil seiner Dokumente in einem Zimmer seiner Wohnung in Wien aufbewahrt. Diese Bestände wurden 1938 von den Nazis beschlagnahmt. 1945 rettete die Rote Armee die Materialien und brachte sie nach Moskau, wo sie in einem geheimen Archiv aufbewahrt wurden. Erst nach bilateralen Verhandlungen Anfang der 2000er Jahre konnten die Dokumente an Österreich zurückgegeben werden, wo sie nun im Österreichischen Staatsarchiv in Wien aufbewahrt werden. Im Rahmen unseres laufenden Projekts am Graz Schumpeter Centre, das vom Forschungsfonds der Österreichischen Nationalbank finanziert wird, haben wir die Bestände digitalisiert und online verfügbar gemacht (https://privatarchiv-mises.uni-graz.at/en/).
Angesichts der Relevanz der Hauptthemen in Ludwig Mises’ Werken, wie beispielsweise die Dynamik des Interventionismus, Geldtheorie, die erkenntnistheoretischen Grundlagen der Wirtschaftswissenschaften, Fragen der supranationalen Governance oder seine Kritik an der zentral geplanten Wirtschaft, ist sein Œuvre nicht nur von historischem Interesse, sondern kann auch als Grundlage für aktuelle Diskussionen dienen. Dies gilt insbesondere für Mises’ Werke während seiner Zeit in Wien die einen pragmatischeren Ansatz aufweisen als seine späteren Arbeiten. Diese Zeit seines Lebens war geprägt vom einzigartigen intellektuellen Milieu Wiens, wo Mises aus einer Vielzahl unterschiedlicher Einflüsse schöpfen konnte. Am deutlichsten wurde dies im berühmten Böhm-Bawerk-Seminar und in Mises' eigenem, äußerst einflussreichen Privatseminar. Hier boten Diskussionen zwischen Intellektuellen mit unterschiedlichen theoretischen, erkenntnistheoretischen und politischen Überzeugungen den Wissenschaftlern einen einzigartigen diskursiven Rahmen, um ihre Ideen zu schärfen und zu überprüfen. Zumindest teilweise ist es diesem besonderen Umfeld zu verdanken, dass der Wiener Mises gegenüber dem späteren Mises, dem ein derart engmaschiges wissenschaftliches Netzwerk fehlte, besonders interessant ist.